Vierte Auflage des Governance Kodex für Familienunternehmen veröffentlicht

Am 17.05.2021 wurde die vierte, aktualisierte Auflage des Governance Kodex für Familienunternehmen (GKFU) veröffentlicht. Für Familienunternehmen – unabhängig davon, ob sie in der Vergangenheit bei der Ausgestaltung ihrer Corporate Governance den GKFU berücksichtigt haben oder nicht – lohnt es sich, sich mit diesem Regelwerk vertraut zu machen und die eigene Corporate Governance einer kritischen Würdigung zu unterziehen.

Was ist der GKFU
Der GKFU enthält Leitlinien für eine verantwortungsvolle Führung von Familienunternehmen und Unternehmerfamilien. Entwickelt wurde der GKFU von einer aus Unternehmern und Wissenschaftlern zusammengesetzten Kommission, deren Einsetzung auf eine Initiative verschiedener Verbände zurückgeht. Der GKFU ist also kein verbindliches, gesetzliches Regelwerk, sondern eine Sammlung unverbindlicher Empfehlungen aus der Privatwirtschaft und Wissenschaft, anhand derer Unternehmerfamilien konkrete Bestimmungen für eine gute und zeitgemäße Corporate Governance ihres Familienunternehmens entwickeln können.

Unternehmerfamilien, so die Idee der Kommission, sollen mit Hilfe des GKFU die Führungs-und Kontrollstrukturen ihres Familienunternehmens individuell überprüfen, anpassen und weiterentwickeln können. Der GKFU kann den Unternehmerfamilien bei der konkreten Entwicklung und Gestaltung der eigenen Corporate Governance als Ideengeber, Merkposten oder Checkliste dienen. Wegen seiner sehr generell gehaltenen Empfehlungen liefert der GKFU aber lediglich erste Anhaltspunkte auf dem Weg zu einer konkret gestalteten Corporate Governance-Struktur.

Erstmals erschien der GKFU im Jahr 2004 und wurde seitdem mehrmals (2010, 2015 und 2021) überarbeitet.

Inhalt und Änderungen der vierten Auflage gegenüber der Vorauflage
Anders als bei dem vom Gesetzgeber erlassenen Deutschen Corporate Governance Kodex für börsennotierte Unternehmen, der in erster Linie den Anlegerschutz im Auge hat, zielt der GKFU auf Themen ab, die bei im Familienbesitz befindlichen und vornehmlich mittelständisch geprägten Unternehmen im Vordergrund stehen. Hierzu gehören zum Beispiel die Sicherstellung und Ausgestaltung des Einflusses der einzelnen Familienmitglieder auf das Unternehmen über Generationen hinweg.

Der GKFU enthält in seiner vierten Auflage 10 Kapitel, die die wesentlichen Aspekte von Führungs-und Kontrollstrukturen eines Familienunternehmens abdecken wie zum Beispiel Ausgestaltung von Inhaberrechten und -pflichten, Aufsichts- und Beratungsgremien oder Unternehmensführung.

Neben vereinzelten Anpassungen betreffen die wichtigsten Neuerungen des GKFU gegenüber der Vorauflage aus dem Jahr 2015 die Kapitel 7 (Mittelbare Inhaberschaft) und 8 (Nicht im Unternehmen gebundenes Vermögen), die in der vierten Auflage erstmals in den GKFU aufgenommen wurden. Sie sollen den „dynamischen Veränderungen unserer Zeit“ Rechnung tragen und aktuelle Entwicklungen, wonach Unternehmerfamilien immer häufiger mittelbar, d.h. über Zwischengesellschaften wie zum Beispiel eine Familienstiftung, Anteile am Familienunternehmen halten, oder in einem beträchtlichen Maße Vermögen aufgebaut haben, im GKFU abbilden.

Konsequenzen für Familienunternehmen bzw. Unternehmerfamilien
Familienunternehmen, die ihre Corporate Governance bereits in der Vergangenheit auf Grundlage des GKFU entwickelt haben, sollten die Überarbeitung des GKFU zum Anlass nehmen, ihre Corporate Governance mit dem GKFU in seiner vierten Auflage abzugleichen und ihre Corporate Governance ggf. anzupassen oder weiterzuentwickeln.

Aber auch für Familienunternehmen, die ihre Corporate Governance bislang ohne Berücksichtigung des GKFU gestaltet haben, bietet der überarbeitete GKFU die Möglichkeit, ihre Corporate Governance einer kritischen Würdigung zu unterziehen und ggf. anzupassen. Es sollte jedoch darauf geachtet werden, die Corporate Governance des eigenen Familienunternehmens nicht unreflektiert an dem GKFU auszurichten, sondern bei der Ausgestaltung der internen Unternehmensleitlinien die spezifischen Interessen und individuellen Bedürfnisse der Unternehmerfamilie und des Familienunternehmens zu berücksichtigen.

Dr. Stefan Reuter, Sonja Ströhle und Johannes Gugel

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